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Eine für alle....

Auf dem Canal de Nantes à Brest durch die Bretagne

Nach der Ankunft in Rohan, im Herzen der Bretagne wird am 28. Mai 2001 das Nötige und das Unverzichtbare in vier Wanderboote verstaut. Vorher hatte es die Kofferräume zweier Mittelklassewagen gut gefüllt. Bald schon wird sich zeigen, dass das Unverzichtbare auf Grund des Packmaßes (Baguettes), des Gewichtes (Wein, Cidre, Pastis, der eine oder andere Käse, Pasteten, leckere Würste, Butter) oder des Verhaltens unter Outdoorbedingungen (Schokolade) nicht unbedingt auch das Optimale für eine Gepäckfahrt ist. Doch zunächst werden voller Vorfreude die Boote ins Wasser des Canal de Nantes à Brest gehoben. Wir steigen ein und verstehen zunächst nicht, warum der fröhliche erste Paddelschlag zwar einen ungeheuren Strudel erzeugte, sonst aber keine Wirkung zeigte.

In glühender Mittagssonne geht es die ersten paar hundert Meter zur Schleuse Nr. 52 von Rohan. Hier wird erst geschleust, wenn 10 Kanus beisammen sind, teilt der Schleusenwärter freundlich mit, ein Umstand der verwundert. Während unserer acht Tage dauernden Tour haben wir nur vier Kanus gesehen, darunter kein beladenes. Wahrscheinlich schon in düsterer Vorahnung, jedenfalls in bestem Französisch und mit Hilfe eines 20 Franc-Scheines öffnet uns Francoise dann doch die Schleusentüren. Wir fahren ein und in wenigen Minuten zwei Meter tiefer wieder heraus. Wir sind froh, als wir feststellen, dass der Schleusenwärter auch die nächste Schleuse betreut. An Schleuse 50 tritt der Ernstfall ein: Mittagspause von 12:30 - 14:00 Uhr, heilig. Nachdem es einem von uns gelungen war, in vollendeter Eleganz das Boot in Richtung eines ca. 50 cm über dem Wasser gelegenen Steges zu verlassen, wurde Boot für Boot an einer ca. 1,50 m hohen und äußerst schrägen Böschung hochgehieft, bei schönem Sommerwetter eine Delikatesse der besonderen Art. Die mit bestem Salatöl geschmierten Bootswagen ermöglichten den Transport der Boote über zwanzig Meter hinter die Schleuse, wo wir, nach Einnahme einer nicht unerheblichen Menge Trinkwasser, wieder einsetzten konnten. Da man auch mit Booten, die das Nötigste und das Unverzichtbare enthalten in anderthalb Stunden eine gewisse Strecke zurücklegen kann, trat der Ernstfall auch für die ca. einen Kilometer auseinander gelegenen Schleusen 49 und 48 ein. Erfahren durch die Bewältigung von Schleuse 50 verzichteten wir gleich darauf, die Boote wieder einzusetzen und beschlossen einen Landtransport um gleich beide Schleusen zu überwinden. Während Helge und ich, schwitzend und mit rasenden Herzen die letzten beiden Boote zur Schleuse 48 zerrten, fanden die Damen heraus, dass das merkwürdig rauchende, von Traktoren, Hängern und alten Männern umgebene Gerät auf der gegenüberliegenden Kanalseite ein fliegender Calvadosbrenner ist. Francoise stellte, offenbar in geeigneter Weise, den Kontakt her. Jedenfalls erwies sich unser Calvadosbrenner als sehr zugänglich und dem Ausschenken einer angemessenen Kostprobe durchaus nicht abgeneigt. Die Bauern bringen Holz zum Heizen und Cidre in großen Kanistern. Zehn Liter Cidre ergeben gebrannt einen Liter besten Calvados. Und so gab es für uns nun Baguette mit Ziegenkäse und ein angemessenes Quantum wasserklaren, noch lauwarmen Calvados (55+x %) aus den beiden leicht trüben Gläsern, die wohl auch die Bauern vorher benutzt hatten. Es herrschte Einigkeit darüber, dass man den Calvados kaum spüre wie darüber, sich doch für eine Stunde in den Schatten zu legen.

Erholt und wieder zu großen Taten fähig, wurde die Fahrt bis zur nächsten Schleuse Nr. 47 fortgesetzt. Zwar war die Mittagspause längst zuende, das Schleusenhaus aber zeigte sich unbesetzt. Die beim erneuten Umtragen aufkommenden Stiche im Rücken ließen die geplanten Etappen von 15 bis 20 Kilometer pro Tag für kurze Momente unrealistisch erscheinen. Doch am Abend und an den folgenden Tagen lernten wir, dass französische Schleusenwärter entweder bereitwillig schleusen, weil es ihr Beruf ist oder weil sie Francoise nicht gewachsen sind. Längst war es kein Geldschein mehr, der die Schleusentüren öffnete. Die sich gegen Feierabend häufenden Argumente wie: Kanuten werden nur zusammen mit Motorbooten, nur mit Schwimmwesten, gar nicht oder auf eigene Gefahr geschleust wurden freundlich bis klangvoll ignoriert. Extrem hartnäckige Schleusenmeister konnten mit freundlicher Hilfe des via Handy unzweideutig informierten Chefs der örtlichen Verkehrsbetriebe ebenfalls überzeugt werden. Und so sollte Schleuse 47 für die sieben folgenden wunderschöne Tage (fast) die letzte Strapaze gewesen sein.

In insgesamt acht Tagen, die einen Ruhetag einschließen, haben wir 150 km des Canal de Nantes à Brest und eines Nebenflusses befahren und dabei mit der Strecke von Rohan (Schleuse Nr. 52) bis nach Blain (Schleuse Nr. 8) eine Reise quer durch die Bretagne unternommen. Die Strecke besteht nur zu einem geringen Teil aus geraden Kanalstrecken, auf denen es `Augen zu und durch` heißt. Meist folgt der Kanal dem natürlichen Lauf des Oust, der allerdings mit Staustufen und Schleusen reguliert ist, und der Vilaine. Die gesamte Fahrstrecke ist somit als stehendes Gewässer anzusehen, dabei landschaftlich abwechslungsreich und keinesfalls langweilig. Typische Flussstrecken wechseln mit seenartigen Abschnitten, an Flussmündungen fanden wir weite menschenleere Schwemmwiesen mit ohrenbetäubenden Froschkonzerten. Was bei uns die Tauben, sind dort die Reiher. Flaches Land wechselt sich ab mit hügeliger Landschaft und kürzeren felsigen Abschnitten. Fast jeden Tag gab es zur Überbrückung der Mittagshitze eine wunderschöne alte Stadt (Josselin, Malestroit, Saint-Martin, Blain ...) mit Steinhäusern, alten Burgen, Schlössern, Kirchen und, nicht zu vergessen, mit erlesenen Crêperien Für das Nachtlager wurden Zeltplätze genutzt soweit sie vorhanden waren und gefunden werden konnten. Die Qualität hat sich als annehmbar erwiesen vor allem vor dem Hintergrund, dass in den verschwindend geringen Gebühren auch die warmen Duschen enthalten waren. Den besten Platz erkämpfte uns Francoise nach einer ungewollt auf 27 km ausgedehnten Tour. In verlassener Gegend stoppte sie nach beherztem Marsch durch's frisch gedüngte Feld den Traktor und entlockte dem Bauern den entscheidenden Richtungshinweis. Wir genossen den Platz, den schönen Abend mit Sonnenuntergang und die Nachtruhe bis ein und ab drei Uhr. Die Zwischenzeit brauchte Francoise um mit Hilfe von Handy und Gendarmerie die fünf Meter neben unseren Zelten ausbrechende Geburtstagsfete eines Jugendlichen zu befrieden, die sich durch ätzende Musik in Concordelautstärke auszeichnete. Für Körperpflege und Allergiker die zweitbeste Wahl waren die natürlich noch viel romantischeren und stilleren Bauernwiesen, die mit Mühe ausgesucht, z.T. in bester Lage mit Blick auf den Kanal waren.

Abschließend wollen wir den letzten Tag der Tour nicht verschweigen. Einige Kilometer hinter Redon zweigt der Canal de Nantes à Brest vom Flusslauf der Vilaine ab. Im folgenden Abschnitt bis Blain kommen einige Schleusen, die nun aber verwaltungsmäßig nicht mehr zu den Departements der Bretagne sondern zum Departement Loire Atlantique gehören. Die schönen, verschlafenen, sehr gepflegten Schleuserhäuschen mit unzähligen Kästen blühender Blumen weichen hier verfallenen oder eher lieblos bewirtschafteten Häusern und Grundstücken. Auch kehrt sich hier die Schleusenrichtung um. Während uns alle vorherigen Schleusen abwärts befördert hatten, ging es nun aufwärts. Wir fuhren also unten in die drei bis vier Meter hohen Schleusenkammern ein. Der Schleusenhub betrug durchgehend etwa zwei Meter, Ausnahme war ein Höhenunterschied von vier (!) Metern. Wir lernten eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit für Schleusenwärter kennen, das Alter. Alte Schleusenmeister zeigten sich freundlich und verstehen ihr Handwerk, die Überlebenschancen für den Kanuten sind gut. Junge Schleusenwärter können angelernte Aushilfen sein die sich durch komplette Ahnungslosigkeit auszeichnen. Man sollte ihnen sagen, was sie machen müssen, sollte ein oben befestigtes Seil verlangen und es nicht ignorieren, wenn sie einen nur mit Schwimmweste schleusen wollen. Sie haben Ihre Gründe und die Überlebenschance ist auch mit Westen schlecht. Zwar war es nur eine Schleuse, bei der der Schleusenwärter (nur) einen Sperrschieber voll aufgerissen hat, aber viel hat nicht gefehlt zur Katastrophe. Geschwindigkeit und Masse des bei voll geöffnetem Schieber und einem Höhenunterschied von zwei Metern einschießenden Wassers sind ungeheuer. Wenn der Schleusenwärter zudem noch den zweiten Schieber geschlossen lässt, so rast das Wasser vom Schieber schräg durch die Kammer an die Schleusenwand und wird dort reflektiert. Innerhalb weniger Sekunden kommt es in den ersten zwei Dritteln der Schleusenkammer zu einer starken Kreisströmung, die durch das einschießende Wasser immer weiter angeheizt wird. Die nicht unmittelbar am hinteren Schleusentor befindlichen Kanuten werden mit großer Kraft zum Schieber gezogen. Ein Zurückpaddeln ist aufgrund der nahen Schleusenwände, der starken Strudel im Schleusenwasser und des hohen Gewichtes der beladenen Boote extrem schwierig. In unserem Fall hat zur Kenterung von ein oder zwei Leuten nicht viel gefehlt. Über die Folgen einer Kenterung bei Strudeln und steilen Wänden darf spekuliert werden. Es sei noch erwähnt, dass auch das Päckchenbilden wenig hilft, wenn kein Halteseil vorhanden ist, da kein Platz zum wirksamen Einsatz der Paddel bleibt und auch das Päckchen vom Sog erfasst wird. Wenn die Tour insgesamt auch vollkommen harmlos ist, für die Schleusen sollten Schwimmwesten mitgenommen werden.

Die Kanutour wurde eingerahmt von entspannten Tagen an den bretonischen Küsten und im Binnenland, die für einige ein erster und sehr gelungener Kontakt zu Frankreich, für andere das ersehnte Wiedersehen der ersten oder zweiten Heimat waren. Der Abschied dürfte für alle Beteiligten vorläufig gewesen sein.

Matthias H.