stour an die Alster

Hamburg, immer wieder eine Sünde wert

Kleine feine 4-Tagestour an die Alster

Am Sonntag, den 5. August war es mal wieder soweit, meinen Kahn 'Pinot Noir' besonders sorgfältig aufs Dach gezurrt, und ab ging es nach Hamburg, die Alster unsicher machen. Ich möchte Euch hier nicht lange mit meinen Ego-Trips nerven, wer will, kann ja meinen Frühjahrsbericht noch mal durchlesen, aber für mich steht definitiv fest: Hamburg ist die Paddelhauptstadt von Deutschland. Man kann sich das Wasser (bis auf Wildwasser) in jedem Aggregat- und Strömungszustand geben, vom wilden Kleinfluß (obere Alster) über gemächlichen bis fast strömungslosen Großfluß (untere Alster), romantische enge Kanäle im Großstadtdschungel (Fleete um die Außenalster), Action und pulsierendes Leben, lebhafte Schwäne! (Binnenalster), dann alle Wellen- und Stömungsstufen von piano (Außenalster, ablandiger Wind) über forte (Außenalster, auflandiger Wind) bis fortissimo (Unterelbe bei Blankenese bei ablaufendem Wasser und Südwestwind Stärke 5).

Ich ging es am ersten Tag ruhig an, setzte beim Alster-Canoe-Club ein, fuhr Richtung Außenalster, da ein steifer Südwestwind blies (wie alle 4 Tage meines Aufenthalts), kam mir die Bescherung schon die Alster hoch entgegen, also kratzte ich nur die Nord-Ost-Ecke an und zog dann dicht am Ufer entlang in den Langen Zug und dann Richtung Stadtparksee, wo ich ein heftiges Gewitter abritt (in Hamburg gibt es ja mehr Brücken als in Venedig und die nächste ist nie mehr als 500 Meter entfernt, dort tummeln sich dann alle Nicht-Wasserfesten). Dann ging es durch diverse ramontische Fleete hintenrum zurück zum Stützpunkt.

Am Montag fuhr ich dann die Alster 'nuffzuhs' (aufwärts), wollte einfach mal schauen, wie weit ich komme. Die ersten 5 Kilometer zur Schleuse hatte ich ja schon im Frühjahr abgeritten, die Schleuse selber kann man wunderbar queren, anlegen und dann die 'Bootsrollen' das Boot hochziehen und oben wieder eingesetzt, einfacher geht's nicht und diese Umtrageerleichterungseinrichtung fand sich auch bei allen anderen Wehren/Schleusen, die ich erreichte, die Hanseaten lieben es halt bequem. Auch oberhalb der Schleuse änderte sich am Flußbild wenig, breit, keine meßbare Strömung und links und rechts hohe Mauern. Nach 5 km wollte ich gerade Wetten abschließen, wann sich denn die Strömung von 1 mm/Sekunde auf 2 mm/Sekunde verdoppelt, da änderte sich das Bild schlagartig.

Aus 50 Metern Breite wurden ca. 8 Meter und die Strömung nahm dementsprechend zu. Es ging jetzt durch ein wunderschönes Waldgebiet, links und rechts Hügel mit oder ohne Villen. Viermal mußte ich raus aus dem Boot und treideln, durch Schwälle, flache Stellen oder die Kurven waren für mein 5.20-Meter-Schlachtschiff einfach zu eng. Aber ich war wild entschlossen, wenigstens bis zum Poppenbütteler Wehr zu fahren, komme was wolle, hinter jeder Kurve mußte das Mistding doch erscheinen... Als ich kurz vor der Aufgabe stand, kamen mir 2 Paddlerinnen entgegen: Übernächste Kurve - Danke! Und tatsächlich konnte ich kurz darauf unterhalb des berüchtigten Poppenbütteler Wehrs anlanden und den Kahn in bewährter Manier die Böschung hochziehen.

Dort besichtigte ich erstmal das Wehr, wo im Verlauf eines Jahres 2 Paddler ertrunken sind. Ist ein klassisches Überfallwehr, so hoch und halb so breit wie beim Landtag, sieht von oben für einen Anfänger harmlos aus, das Wasser plätschert gleichmäßig hinunter, aber tückischerweise verengt sich das Auslaufbecken zum Auslauf hin, so daß auch bei wenig Wasser eine wunderschöne Deckwalze für eine starke Anhänglichkeit des Wehrs zum Paddler sorgt. Kein erfahrener Paddler würde da 'runterfahren, da ja 50 Meter entfernt eine geniale Aussatzstelle lockt, aber für einen Laien ist es sicher verlockend. Auf jeden Fall sorgen jetzt 5-6 Warnschilder und ein Drahtverhau dafür, daß da keiner mehr 'reinpaddelt. Oberhalb des Wehres war wieder ein kleiner See, so daß ich mich entschloß, noch ein bißchen weiterzufahren. Hier war der Bach wieder träge und breit, so daß ich noch mal 5 km weiterdüste. Dort war wieder ein kleines Wehr, welches ich aber aufgrund einer gemütlichen Gastwirtschaft mit Biergarten zum Wendepunkt erklärte. Derart gestärkt machte ich mich auf den Rückweg, und erreichte gegen Abend wieder meinen Startpunkt. War ein schöner, interessanter Trip, das Boot hätte (ausnahmsweise) ein paar cm kürzer sein können, die Alster ist auf jeden Fall eine Fahrt wert.

Dienstags gab ich mir dann die Außenalster intravenös. Der Wind blies stetig aus Südwest, also ging es südwärts gegen die Wellen, nach einer kurzen Gewöhnungsphase, machte es richtig Spaß, durch die Wellen zu surfen und so erreichte ich die Binnenalster nach einer knappen Stunde. Nach einer kleinen Rundfahrt nahm ich erstmal eine kleine Dusche in der Riesenfontäne. Von Süden vorsichtig genähert, konnte ich direkt 2 Meter neben der Abschussrampe anlegen, wirklich imposant wie das Wasser mit ungeheurer Wucht direkt neben einem 50 Meter in die Luft geschleudert wird und dann wieder mit enormem Lärm ins Wasser kracht. Die Dusche war auch signifikant intensiver als auf dem Maschsee, ich beließ es bei einem Durchgang. Dann ging es unter dem Jungfernstieg durch Richtung Schleuse. Hier war das Wasser am brodeln, Dutzende Schwäne, Möwen und Tauben waren hier versammelt und balgten sich um die massiv verteilten Brotkrumen, hier wurde ich auch erstmalig von einem Schwanenvater attackiert, der Wohl um das Seelenheil seines Halbstarken besorgt war, aber er beließ es zum Glück bei einer Scheinattacke. Nix wie weg hier, auch der Geruch war nicht gerade appetitanregend. Nach einer kleinen Eispause ging es dann wieder zurück, links und rechts noch ein paar Fleete unsicher machend, man kann auch ohne Außenalster locker einen Tag auf dem Wasser verbringen.

Bei der Rückkehr zum Alster Canoe Club fand ich ein emsiges Treiben vor, da waren die Rennfahrer am Trainieren. Ich nutze die Gelegenheit, mal so ein Teil probezufahren, im ersten Boot hielt ich mich genau 1/10 Sekunde, bevor es mich wieder ausspuckte, das war ein offizielles Rennboot und auch die Tatsache, daß ich mich im zweiten und dritten Versuch auf 10 Sekunden Fahrzeit steigerte, ließ kein Hochgefühl aufkommen. Das war sicher kein Boot für mich. Erst ein etwas breiteres Tourenrennboot ließ sich dann leidlich angemessen bewegen, immer Vollgas hieß die Devise und so zitterte ich mich eine große Kurve über die Alster, schon enorm, wie so ein Teil abgeht, dagegen ist mein Pinot Noir ein Kohlefrachter. Aber für den täglichen Tagesbedarf doch unschlagbar, in den Rennteilen hat ja nicht mal 'ne Flasche Paddelriesling Platz ;*)

Mittwochs morgen wagte ich mal einen kleinen Abstecher zur Elbe bei Blankenese, der Wind blies weiterhin aus Südwest stetig mit Windstärke 5, also waren die Wellen ca. 1 Meter noch und mit locker-flockigen Schaumkronen bedeckt. Getreu dem Motto: 'Und führe mich nicht in Versuchung' hatte ich das Boot im Heimathafen gelassen und fühlte auch kein unbedingtes Verlangen, bei diesen Bedingungen einzusetzen. Also schlenderte ich am Ufer entlang, beim Bootshaus des 'Ring der Einzelpaddler' studierte ich den Schaukasten, dabei kam ich mit einem (wettergegerbten;-) Herrn ins Gespräch, der mir mitteilte, daß am Nachmittag ein offenes Paddeln stattfindet und ich doch einfach mal vorbeischauen sollte.

Gesagt, getan, um 15 Uhr stand ich auf der Matte, mit etwas flauem Gefühl lud ich mein Schiff ab und trug es ans Ufer. Die Elbe hatte nun Flut und der Wind hatte etwas nachgelassen. Ein koordiniertes gruppendynamisches Einsetzen war nicht erkennbar, jeder setze nach Gutdünken ein- und aus, Einzelpaddler eben ;-). Also gut, tief Luft geholt und ab in die Suppe. Huiii, waren schon ein paar Nümmerkes größer als auf dem Maschsee, die Wellen. Aber todesmutig zog ich meine Bahn Richtung Nordsee, immer gut Stoff gegeben, mein Schiff ließ mich auch hier nicht im Stich und schluckte auch die größeren Wellen problemlos. Mach ca. 300 Metern wurde der Sandstrand durch eine Mauer ersetzt, jetzt kamen die Wellen zurück und es wurde mir dann doch etwas mulmig in der Magengrube, also drehte ich wieder um. Ouha, da näherte sich auch schon ein Riesen-Containerschiff, da war ich ja mal gespannt, was mich da erwartete. In ca. 200 Metern Abstand glitt der Koloß an mir vorbei, komischerweise schien er gar keine Wellen um sich herum zu machen. Aber zu früh gefreut, das buhnenähnliche Becken, in welches ich mich geflüchtet hatte, wurde innerhalb von 3 Sekunden um gut die Hälfte des Wasser beraubt und ebenfalls 3 Sekunden später kam die ganze Bescherung samt Zins und Zinseszins zurück, bis unter die Achselhöhlen saß ich im Wasser, welches in Form dreier oder vier horizontraubenden Brechern auf mich einstürzte. Also die hätte ich nicht seitlich nehmen können, auf jeden Fall hatte ich jetzt genug und kehrte ans rettende Ufer zurück. Also für solche Aktionen muss ich doch noch ein bißchen härter werden, aber wenn man sah, wie sogar die Kinder einsetzen, zum Teil mit kippligen Rennboote, dann ist das sicher nur eine Frage der Gewohnheit. So packte ich gegen 17 Uhr das Boot wieder aufs Auto und kehrte, den obligatorischen Stau am Elbtunnel mitnehmend wieder zurück in heimatliche Gefilde.

Holla, ist doch wieder etwas länger geworden. Ich hoffe, ich habe Euch nicht allzusehr genervt ;-)

Jo K.