sfahrt 2002

Leine-Frühlingsfahrt

Neues Schiff, Kribbeln im Magen - Auf nach Hodenhagen!

So, hier der erste Bericht des Jahres 2002, 52 km von Neustadt nach Hodenhagen, doch zuerst ein paar kleine Anmerkungen:

Von den Fotoberichten und ausführlichen Beschreibungen im letzten Jahr verwöhnt, werdet ihr feststellen, daß ich mich diesmal ungewöhnlich knapp fasse und auch auf Fotos verzichte. Das liegt ganz einfach daran, daß ich diese Fahrt mit meinem 'Fahrschulboot' gemacht habe, mit meinem neuen (endgültigem, nicht mehr steigerbaren) Mega-Seekajak 'Yves' (5,83cm lang, 55cm breit), welches ich mir in einem Anflug von Größenwahn Anfang diese Jahres (unschlagbares Angebot) zugelegt habe. Dieser Kahn besticht durch seine extrem genialen, aber auch extrem kompromißlosen Fahreigenschaften, ist eigentlich dafür gedacht, mit 80 kg Gepäck um die Lofoten zu schippern, und da ich bisher nur auf dem Hochwasser der Leine und dem Maschsee üben konnte, besteht da noch ein akutes Defizit, und so hatte ich auf dieser ersten längeren Tour alle Hände voll zu tun, mich aufs Fahren zu konzentrieren, für den Rest der Welt, jedenfalls während der Fahrt, war nur noch ein Bruchteil der sonst uneingeschränkten Aufmerksamkeit übrig. Und mit der Kamera wäre mir mit größter Sicherheit das erste, mangels Wasserdichtigkeit aber auch das letzte Unterwasserfoto gelungen:-)

So, nun zu den rudimentären Eindrücken, morgens in aller (für KSC-Verhältnisse) frühen Zeit traf man (m.W., Francoise, Helge, Daggi, Uwe und spontan noch Ali) sich vorm Bootshaus und kurz darauf ging es schon los Richtung Neustadt. Hier herschte an der Einsetzstelle, einer bis vor kurzem noch überschwemmten Kuhweide - der Stacheldraht an den Übertragestellen mit Klebebend zusammengebunden, ein emsiges Treiben, Kommen und gehen, der übliche Trubel bei solchen Massenveranstaltungen eben. Wir luden unsere Schiffe ab und verstauten alle wichtigen, angenehmen und dekadenten (mein neuer Kompass zum Bleistift ;-) Utensilien im, an und auf den Booten. Alte Bekannte (hopp, hopp) wurden gesichtet und begrüßt, danach folgte ein mehr oder weniger geordnetes (auf jeden Fall schlammreiches) Einsetzen und schon ging es mit ordentlich Dampf die Leine hinab.

Schon kurz darauf galt es, die ersten Baumhindernisse zu umschiffen und auch die ersten Kurven hatten es in sich, es war schon ein Unterschied, auf einem Gewässer, welches man im Schlaf kennt, und einem, wo man seine Erstbefahrung macht, bei Hochwasser zu manövrieren, und schon nach 2-3 km kamen mir ernsthafte Zweifel ob der Durchführbarkeit der Fahrt mit den vorhandenen Mitteln (vom Sinn mal ganz zu schweigen:-). Und so rauschten die ersten 10 km wie ein mittelmäßiger Film an mir vorbei, ich kann mich beim besten Willen nicht an Details erinnern, aber dann kehrte so langsam Routine ein, und ich enspannte mich wieder, da geht fast schlagartig, ist sowas wie ein break-even-point, also wenn die Fahrt wieder in die Gewinnzone fährt.

An der Brücke bei Basse, wo schon die ersten wieder aussetzten, der Wind war auch schon ziemlich fordernd, ca. 5 Bf, natürlich immer Gegenwind oder wenigstens Seitenwind, lief dann alles wieder in geregelten Bahnen, sowas wie Routine stellte sich ein. Die Landschaft öffnete sich mehr und mehr, Soize und Daggi hatte in ihrem Zweier mit dem Wind ganz schön zu kämpfen und auch Ali sah in seinem Urgestein nicht gerade überglücklich aus. Uwe und Helge zogen dagegen unerschüttert ihre Bahnen. Ich hatte vor meinem (unverzichtbaren) Kompass noch eine Kopie der Route in Großschrift angebracht und nachdem mir Uwe mitgeteilt hatte, daß er beabsichtigt, bei km 87 die Pause einzulegen, und auch einige längere Geraden mal dazu einluden, die Funktionstüchtigkeit des Skegs zu testen, zeigte sich Yves mal von seiner Sonnenseite und im Affenzahn ging es am Hauptfeld vorbei Richtung Brücke Helstorf.

Dort legten wir eine ausgiebige Pause ein und ließen unzählige Paddler an uns vorbeiziehen. Nach einer guten halben Stunde setzten wir wieder ein, die Leine wurde immer kurvenärmer und windreicher, man kam sich in manchen Kurven so vor wie auf der Weser. In einem Anfall von Übermut, (oder von Dionysos, oral appliziert, beflügelt), übte ich ein bisschen Kehrwasserfahren, das geht erstaunlich gut mit dem Riesenschiff, wenn man über gute Reaktionen und ein gewisses Gottvertrauen verfügt. Eine kleine Rast bei Schwarmstedt hätte ich fast verpasst, so musste ich mich 500 Meter gegen die Ströming Richtung Natur?hafen kämpfen, irgendwie machte das den Kohl auch nicht mehr fett. Obwohl etliche dunkle Wolken vorbeizogen, blieb der Wasserkontakt auf die untere Hälfte des Bootes beschränkt, je weiter es Richtung Aller ging, desto uferloser wurde der Fluß und bei der Einmündung (eigentlich eher ein Übergang eines Sees in einen anderen) in die Aller war ich wirklich froh um den Kompass, sonst wäre ich womöglich in die falsche Richtung gepaddelt ;-)

Die restlichen Kilometer auf der Aller'schen Seenplatte waren geprägt von Wellen, Gegenwind und dem unbedingten Wunsch, die Fahrt schnellstmöglich zu beenden, mein an dieses Boot noch nicht adaptiertes Hintertheil forderte unnachgiebig nach Freiheit. Die Kilometerzeiger am Ufer waren nicht mehr auszumachen, der Flußverlauf nur zu erahnen, lauf Karte waren noch 4 km zu fahren, so ging es unter Aufbietung der letzten Kräfte bis zum erlösenden Deich nach Hodenhagen. Ermattet, aber wie immer nach so einer Fahrt mit hohem Adrenalinspiegel doch noch zu allen möglichen Schandtaten bereit, ging es erstmal zum Teerumstand um das doch vorhandene Wärmedefizit auszugleichen. Während Helge und Uwe sich um eine Rückfahrgelegenheit bemühten, machten sich Daggi und Soize auf in das benachbarte 'Strandcafé' und nach 1 Stunde Dauerwind war sogar ich kompromißbereit und verbrachte mit den 2 netten charmanten Damen noch eine unterhaltsame Stunde, ICH konnte den Neo relativ mühelos abschälen, jedenfalls in der oberen Hälfte. Gegen 15 Uhr kamen dann die Fahrer und es ging routiniert zurück zum Verein.

Fazit: Im Nachhinein betrachtet war es eine aufregende Hochwasser-Erstbefahrung, und obwohl ich mir in den ersten 10 km einen Hubschrauber gewünscht hätte, der mich aus dem Kippel-Boot zieht und vom Elend erlöst, so bin ich doch froh, daß ich durchgehalten habe (mangels Alternativen). Hat mich wirklich an meine Außenalster-Erstbefahrung erinnert, wo mir im ('Dionysos' damals noch) bei plötzlich aufkommendem Kabbelwasser der übelsten Sorte der *rsch wirklich auf Grundeis gegangen ist, aber ich auf den 2 Höllenkilometern mehr gelernt habe als das halbe Jahr vorher. Ich brauche halt die harte Schule, freue mich aber trotzdem auf nächstes Jahr (mit meinem 'normalen' Boot:-)

JOachim