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Einmal ins Boot bitte - und ab durche Mitte

Jo und Volker durchqueren Berlin von Köpenick bis Spandau

 

Berlin war ja schon lange fällig, schon letztes Jahr wollte ich einen Trip (oder schreibt man Trip jetzt auch mit 2 'P' , Tripp wie Tripper ;-) mitten durch unsere alte/neue Hauptstadt durchziehen, aber immer kam irgendwas dazwischen. Grundlage und Anstoßpunkt war eine Tourenbeschreibung in der "Die Zeit". Doch wo die Helden damals ihr müdes Haupt auf halber Strecke im weichen Apart-Hotelbett versenkten, zogen Volker und ich die Tour von Anfang bis Ende beinhart durch.

Am Samstag, den 14. September 2002 war es soweit, Volker und ich trafen uns in aller Frühe beim Verein...

 

ja wo bleibt er denn....der Volker

...schmissen die Boote aufs Dach und machten uns auf den Weg. Nach einer halben Stadtumrundung erreichten wir gegen Mittag unseren Startpunkt beim KSC (Köpenicker Sport Club) in Müggelheim an der großen Krampe. Unser Namensvetterverein war komplett ausgeflogen, ein kurzer Anruf beim Scheff, und wir schlugen unsere Zelte auf der Wiese vor dem Haus auf. So gegen 14 Uhr erinnerten wir uns an unsere eigentliche Mission und starteten unsere kleine

Vor- und Aufwärmfahrt

Große Krampe-Gosener Graben-Kleiner Müggelsee und zurück (30 km)

Wir dümpelten die Große Krampe, später in Wurmfortsatz umbenannt, Richtung Süden, es war leicht bewölkt, der Wind in Stärke 4 aus West, als wir nach links in den Sedliner See einbogen hatten wir ganz schön mit den Wellen zu kämpfen, die uns seitlich beschnupperten. Man unterschätzt die Ausmaße der Gewässer da unten gewaltig, es ist eher eine Ansammlung von Seen à la Mecklenburgische Seenplatte als eine Flußlandschaft, dazu kommen reichlichst Motorboote aller Kaliber, die das Ganze noch etwas unberechenbarer machen, man sollte tunlichst in Ufernähe bleiben. Die Knipse habe ich nicht dabei gehabt, war vielleicht ein Gottesurteil. Diese Gegend heißt nicht zufällig Windecke.

Also weiter Richtung Müggelsee, an der LKV-Berlin-Insel und einer Trainingstrecke für Motorbootsport vorbei, kurz dahinter ein Streifen Naturschutzgebiet, wo Dutzende Kormorane auf schon fast abgestorbenen Bäumen hockten (ein wahrlich beschi**enes Leben). Dort hatte man die Wahl zwischen dem Gosener Kanal und dem Gosener Graben, da letzterer für Motorboote gesperrt ist, fiel die Wahl nicht schwer, die nächsten 3 Kilometer waren wirklich romantisch, kristallklares Wasser, es kam fast Örtze-Feeling auf, war wirklich auf der ganzen Strecke in Berlin das einzige Stück, wo man wirklich Ruhe hatte (nur die Mücken wollten es nicht ganz einsehen).

Doch mit der Ruhe war es schnell vorbei, als wir in die Müggelspree Richtung Müggelsee abbogen, hier ging die Post ab, Motorboote und Ausflugsschiffe aus allen Richtungen, die Ufer waren mit Holzwänden oder Mauerwerk spundwandähnlich befestigt, ab hier war höchste Konzentration angesagt. Die so gelobte Berliner Luft war hier doch recht dick. Aber unverdrossen kämpften wir uns an mehr oder weniger gediegenen Grundstücken vorbei Richtung Müggelsee. Beim kleinen Müggelsee machten wir an einem (Motor)bootsteg an einer Ausflugskneipe fest, unter den Blicken der Ausflügler zerrten wir unsere Boote über den Steg, bis sie nicht mehr im Weg lagen. Es hatte sich inzwischen zugezogen, als wir die Terasse enterten, begann es ganz leicht, zu nieseln, aber uns Naturburschen ließ das kalt.

Das Bier schmeckte, der Fisch auch, Volker ließ sich dann auch überzeugen, daß es besser ist, den großen Müggelsee nicht zu queren und dann über Köpenick zurückzufahren, erstens war es schon recht spät und man sah schon in 1 km Entfernung die Schaumkronen auf dem Müggelsee. Und so ging es auf gleichem Weg zurück, der nun permanente leichte Regen hatte dafür gesorgt, das sich die meisten Freizeitkapitäne fürs Anlegen enschieden hatten, und so hatten wir eine ruhige Heimfahrt, eine gute Bettschwere war heute im Preis inbegriffen.

Judgement day - Tag der Entscheidung

Von der Spitze des Zipfels unter dem 'l' von Müggelsee bis links vom 'K' beim Kraftwerk Reuter (45 km - gefühlt 90 ;-)

 

Jetzt war er also gekommen, der große Tag, egal, erstmal in den Frühstücksmodus switchen:

KSC meets KSC

Die Qual der Wahl

Morgenidylle an der großen Krampe

Dieser KSC hat seinen Namen wirklich verdient, wo man hinschaut, nichts als Rennboote. Egal, nach dem opulenten Frühstück wurden die Boote bepackt und gegen 8 Uhr setzte man dann ein. Den geliebten 'Wurmfortsatz', zieht sich wirklich elend lang, obwohl nur 3 km lang, ging es dann 'runter

die ersten zaghaften Schläge

Der Sonne entgegen

Das Wetter war bombastisch, 15 Grad, strahlendblauer Himmel, schneeweiße Schönwetterwolken, auf den Bildern kommt das nur unbefriedigend 'rüber meine Billig-Knipse war schlicht und einfach mit den Kontrasten überfordert, deswegen wirken die Bilder etwas dunkel, aber die Stimmung war genial, jedenfalls in dieser noch windgeschützten Ecke

Campingplatz im Jrünen

Am Scheideweg

Rechts geht es jetzt weiter Richtung Nordwest, da der Wind steif genau aus Nordwest mit Stärke 4 (auch die ein oder andere 5-6er Böe war dabei) blies,

Einmal quer über die Dahme

ging es ab sofort recht turbulent zu, wer schonmal den Woblitzsee bei ähnlichen Bedingungen gequert hat, kann sich ein Bild davon machen, wie die nächsten 20 Kilometer bis fast Berlin Mitte aussahen, später war die Wasserfläche kleiner, aber dafür kanalisierten die Mauern und Häuserschluchten den Wind und nahezu alles war 'verspundwandet', egal, weiter ging es mit voller Kraft, dieses und mindestens ein Drittel der restlichen Fotos entstand unter Adrenalinstoß-Bedingungen (Paddel wegleg', Kamera 'rauskram, anschalt, Luft anhalt, Knips, speicher...speicher, ausschalt, wegsteck, Paddel greif, Vollgas). Gut, daß ich mich für Pinot entschieden hatte, mit Zappelphillip Yves wäre das ein Ding der Unmöglichkeit.

Da sind wir jetzt schon in den langen See eingebogen rechts sieht man den Zieleinlauf der olympischen Ruderer-Regattastrecke, die folgenden 3000 Meter waren gespickt mit Rudervereinen

Voila, da ist schon ein Paddelkompatibler Ruderverein, wo wir die erste Pause einlegten

direkt am Startpunkt der Regattastrecke, nach einer kleinen Stärkung ging es dann weiter, die ersten Ausläufer des Kraken Berlin machten sich in Form von Grünau und Süd-Köpenick bemerkbar, hier einfach ein paar Impressionen, die Wolken erscheinen grau, waren aber in Wirklichkeit schneeweiß

nicht gerade der ärmlichste Ruderverein

immer Richtung Norden

ein Hauch (in Stärke 4) von Zivilisation

der erste Blick - auf Köpenick

Da hinten rechts sieht man das Wahrzeichen von Köpenick, das Rathaus mit den Zwillingstürmen, dort mündet die relativ beschauliche Dahme in die Spree

Der Wind hatte etwas nachgelassen, dafür hatte man ab jetzt jederzeit mit dicken Pötten zu rechnen, hier eine Standardsituation, ganz rechts hat uns gerade ein Schubverband überholt und da kommt auch schon ein Ausflugsdampfer von vorne, aber irgendwann gewöhnt man sich an das Geschaukele, der Mittellandkanal kann mich jedenfalls jetzt nicht mehr schocken..

Irgendwo zwischen Oberschönweide und Lichtenberg, bevor es in die Innenstadt ging, säumte ein weitläufiges Industriegebiet das rechte Ufer, links war ein Park (Plänterwald) wo sich die Sonntagsausflügler tummelten

Hier ging es nochmal richtig zur Sache, Richtung Nordwest neben dem Hochhaus liegt der Rummelsburger See genau in Windrichtung, da konnten sich die Wellen nochmal richtig schön entfalten, da hieß es kurz vor der lange ersehnten Pause nochmal 4-5 km: keulen, keulen, keulen...

Uff, also diese Pause hatten wir uns wirklich hart erkämpft und verdient, direkt nach dem Einbiegen in die 'Stadtspree' erspähten wir auf einer Insel in Alt-Treptow eine leicht anarchisch/alternativ angehauchte Gartenwirtschaft, wir ließen uns dort auf einem lila Sofa nieder, 10 Minuten vor der offiziellen Öffnung labten wir uns erstmal an einer Gerstenkaltschale aus Eigenbeständen

Aber auch das kühle, frischgezapfte Weissbier lief gut 'rein ;*)

Dermaßen gestärkt ging es jetzt zum Kernstück unserer Tour, mitten durch die Stadt Richtung Landwehrkanal

Da ganz hinten zwischen Bootsspitze und Hochhaus kann man schon den Fernsehturm am Alex erahnen

Hinter der nächsten Brücke lauerte schon der 'Molecule Man' (3 Skulpturen der aus Aluminium in den USA zusammengeschweißten "Dreipersonengruppe", welche die Menschheit allgemein symbolisieren soll, 45 Tonnen schwer und ca. 30 Meter hoch), unter dem rechten kann man

durchfahren, schon ein erhebender Moment

Weiter gehts Richtung Westen

Hier ist für den gemeinen Paddler Schluß, der Pfeil rechts weist unmißverständlich Richtung Landwehrkanal, spätestens bei der Oberbaumbrücke (die mit den beiden Türmen) heißt es: Abteilung kehrt!

Da sind wir schon in der Schleuse, die uns vom Kanal trennt, nach berlin-freundlicher Bitte: 'Paddelboote inne rechte Kammer, wa und jut festhalten!' glitten wir nach rechts, nach über 20 Kilometern mal wieder Zahmwasser...

kurz darauf machte sich ein Ausflugsdampfer in der linken Kammer breit, die Schleuse (ca. 80 cm Unterschied) wird links einfach langsam hochgeklappt, und das Wasser strömt langsam aus der Kammer, nach einer Minute ist der Spuk vorbei und man wird

in den Landwehrkanal gespuckt, dieser verläuft jetzt mitten durch den urbanen Dschungel (Kreuzberg/Schöneberg)

links und rechts sind Mauern, auf der gesamten Länge gibt es kaum Möglichkeiten, anzulanden, und wenn so ein Auslugsdampfer naht, wird es schon eng..

So'n jroßer Mülleima is praktisch, wa?

Landwehrkanal-Halbzeit, links Bootsanleger und rechts

lümmeln sich die Großstadt-Laschies

rechts schmiegt sich harmonisch die Station "Hallesches Ufer' ans Ufer, hier ist man wirklich fest eingekeilt im Großstadtdschungel

weiter geht's Richtung

Station Möckernbrücke, sieht fast aus wie ein gigantischer Zug, der sich jeden Moment in Bewegung setzt

Hier droht ein Rosinenbomber vom deutschen Technikmuseum auf uns zu stürzen

und weiter gehts, fast schon liebgewonnnene Mauern links und rechts

Grüße vom Potsdamer Platz

Na die Mauer hätten sie auch mitsanieren können, aber mit die Mauern hams die Berliner ja nich so ;-)

So langsam jehts wieda int Jrüne, rechts die Sonnenhungrigen, links fährt man an den Käfigen des Zoo vorbei.

Hier sind wir in der Warteschleife für die Tiergartenschleuse, wie schon in der Oberschleuse hatten wir auch hier Glück und konnten fast sofort schleusen, dann ging es noch 3 Kilometer den Landwehrkanal entlang und gegen 16 Uhr erreichten wir das Berliner Bermudaviereck, hier treffen die Spree, Landwehrkanal und Charlottenburger Verbindungskanal aufeinander.

Hier haben wir links an einer ausnahmsweise mal einigermaßen kompatiblen Mauer angelegt und bringen unseren Flüssigkeitshaushalt in beide Richtungen wieder in Ordnung, während ein weiterer Ausflugsdampfer an uns vorbeizieht. Uff, wir waren ganz schön geschafft, war doch eine ganz schöne Keulerei, und so war ich auch nicht undankbar, als sich meine Kamera nach diesem Bild wegen Saftmangels verabschiedete. Die Ersatzbatterien waren zwar irgendwo im Boot, aber mit der Betonung auf 'irgendwo'.

Also konnte ich mich den Rest der Tour ganz aufs Hauptgeschäft konzentrieren, die Hauptattraktionen hatten wir ja hinter uns, man dümpelte jetzt auf der wieder verbreiterten Spree an der Rückseite des Schloß Charlottenburg vorbei, kurz danach kam die letzte gleichnamige Schleuse in Sicht, hier hatten wir 10 Minuten Wartezeit, kam uns nicht ganz ungelegen. Die weiteren 8 km nach Spandau gingen an einer Mischung aus Industriegebiet und Waldstücken vorbei, erinnerte an den Lindener Stichkanal. Dann erreichten wir die Havel, rechts die Zitadelle, doch wir bogen nach links ab, es wurde wieder urbaner, mit Hafenanlagen und Zivilisation. Obwohl es da nur noch 3 Kilometer zum Ziel waren, zog sich alles endlos hin, die Arme wurden immer schwerer.

2 Kilometer vor dem Ziel schaltete ich in den Endspurt-Kampfmodus und mobilisierte die letzten Reserven, gegen 17.50 Uhr erreichte ich den

Steg der Wikinger (Paddel - Club Wiking Berlin), zerrte das Boot an Land und kramte das Handy heraus, um mich anzumelden, ich hatte mich um 17.30 Uhr angesagt, war also fast noch in der Zeit. Dann kam auch Volker an Land gejettet und 10 Minuten später wurden wir vom 2.Vorsitzenden Hans-Jürgen höchstpersönlich begrüßt. Von vorne sieht der Verein unspektakulär aus, aber die 2 Häuser hintendran gehören auch noch dazu und sind - eine Rarität in Berlin - im Besitz des Vereins. Wir bauten unsere Zelte auf der Wiese rechts auf, meins blieb leer - nur zum Trocknen, ich zog es vor, mein Nachtlager im Vereinsraum aufzuschlagen, denn direkt links vom Bild quert die Heerstraße, DIE Haupteinfallstraße vom Westen nach Berlin, die für einen meinen Erträglichkeitsmaßstab übersteigenden Geräuschpegel sorgt.

Abends pilgerten wir dann noch zur nächsten Imbissbude (Tip vom Wikinger-Vize) und zogen uns ein Berliner 8-Gang-Menü (Currywurst, Pommes & Sixpack Berliner Kindl) 'rein, somit hatten wir wenigstens nach den vielen sportlichen auch einen kulturellen Höhepunkt. Das wir diese Nacht gut schliefen, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen 'schnarch_ratz!'

 

Chill-Out-Day

PC Wiking-kleine Havel(see)rundfahrt und zurück (15 km)

Am nächsten Tag ließen wir es gaaanz ruhig angehen, dekadentes Frühstück mit frischen Bröt....ähh..Schrippen, dann machten wir noch einen kleinen Abstecher auf die Havel Richtung Wannsee, heute war es wieder bedeckt, aber kaum Wind und so konnten wir ganz genütlich über die doch beachtliche Seenfläche schippern, eine kleine Rast auf der Halbinsel Schildhorn und dann ging es auch schon zurück zum Basislager.

Nun begann eine 3-Stündige Odysee mit Bus, Bahn und wieder Bus mitten durch die Stadt, und gegen 15 Uhr erreichten wir unseren Startpunkt und somit auch das Auto. Nun ging es quer durch Berlin zurück Richtung Spandau, auch dies vollbrachten wir ohne allzugroße Umwege, dann wurde wieder alles aufgerödelt und verzurrt, dann ging es zurück zum KSC, gegen 20 Uhr war dieser kurze aber heftige Trip zuende.

Und die Moral von die Jeschicht - wer durch Berlin paddelt, is nich janz dicht

Nein, man muß nicht verrückt sein, um diese Tour zu machen, aber schaden tut es auch nicht :-), die Fahrt hat alle Erwartungen erfüllt und sogar übertroffen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Hätte aber nicht gedacht, daß es so anstrengend ist, lag sicher auch an dem vielen Wind und den Booten, dazu überall die hohen Mauern links und rechts. Also wer diese Tour machen will, sollte in der Lage sein, mal so eben 15 Kilometer am Stück gegen Wind in Kabbelwellen zu keulen, Steueranlagen-Fetischisten können ihr Laster voll ausleben, Volker und ich haben es auch ohne gepackt. jaja, man kann es natürlich auch im Hochsommer machen [Schnarch_Gähn]

Von der Stadt selber sieht man nicht viel, und auch die Aussetzstellen sind rar. Aber es ist schon ein besonderes Flair, nicht vergleichbar mit Hamburg, viel rustikaler/urbaner :-), aber die Massen von Motorbooten könne einem schon auf den Geist gehen, habe ich in der Konzentration noch nirgendwo erlebt, sowas wie Rücksichtnahme ist fast völlig unbekannt. Aber so sindse halt, die Berliner, hart aba herzlich, ich werde auf jeden Fall nochmal eine längere Tour in/um Berlin machen, Stützpunkt bei Potsdam, hier gibt es noch viel zu erpaddeln und wenn jemand nochmal Lust auf eine Querung hat, ich bin dabei, aba denne mit Yves...

JOachim